die vergangenen tage

Die Kurzgeschichte wurde im Rahmen der Unterrichtsmaterialien zur Reihe "Literarisches Schreiben – Kurzgeschichten verfassen und verstehen" für die gymnasiale Oberstufe veröffentlicht. Außerdem ist sie Teil der entsprechenden Lehrerfortbildung, die von mir in Zusammenarbeit mit Studienrätin Vera Martens am ILF Rheinland-Pfalz und Saarland durchgeführt wird:

"Als die Frau durch die rote Tür des Cafés tritt und sie am Knauf vor sich herschiebt, zögert sie. Die Tür erscheint ihr schwerer als an den vergangenen Tagen. Beunruhigt, ob sie sich in der Lokalität geirrt haben könnte, blickt sie zurück und versichert sich der passenden Umgebung ..."

 

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WHAT

Short Story

PUBLICATION

ILF-Lehrmaterialen "Literarisches Schreiben"

CLIENT

Institut für Lehrerfort- und -weiterbildung

 

Als die Frau durch die rote Tür des Cafés tritt und sie am Knauf vor sich herschiebt, zögert sie. Die Tür erscheint ihr schwerer als an den vergangenen Tagen. Beunruhigt, ob sie sich in der Lokalität geirrt haben könnte, blickt sie zurück und versichert sich der passenden Umgebung.

Es ist das gewohnte Bild im Hafen von Hoek van Holland. Ganz hinten verschwimmen im milchigen Dunst die Motorboote der Fischer, die am Anleger vor sich hin rosten. Gleich zuvorderst schießt eine Litfaßsäule aus dem Asphalt wie aus fahlem Waldboden. Zwischen den Booten und dem Betonpilz markiert die Reihe der Schlusssteine das seitliche Ende der Uferpromenade. Hinter ihnen bricht der Weg ab und stürzt senkrecht hinab ins braungrüne Hafenbecken. Ein dreckiger Tümpel, flächendeckend besiedelt mit Entenschiss und Plastikrückständen von ehemaligen Plastikgegenständen. Im trüben Wasser unterscheidet nur eine Silbe das Etwas von seinem Abfall. Wolkengebirge hängen so schwer über den Masten und Schornsteinen als hätte eine Bühnenbildnerin sie dort montiert. Szene 1., trister Kleinstadthafen. Hier ist es richtig. 

„Nein, hier ist es falsch“, denkt die Frau, aber hier ist der Treffpunkt. Hierhin wird Silvia kommen. Sie hievt ihren Remova-Trolley über die Schwelle und schiebt den Windfang zur Seite, der bei jeder Bewegung knistert. 

 

An der Garderobe legt sie das Halstuch und den zeitlos schicken Ledermantel ab, beides war einmal in Paris gekauft worden und für kühlere Tage bestimmt gewesen. Neben den Kleiderhaken baumeln die an hölzernen Stangen befestigten Tageszeitungen in einer Reihe an der Wand. Bei jedem ihrer Besuche sucht sie sich eine aus. Ihre Finger streifen sanft wie zur Beruhigung über die druckschwarzen Lettern der Schlagzeilen, die sie wütend anbrüllen. Sie spricht kein Niederländisch und kann nicht verstehen, was sie rufen. Nach einer Weile entscheidet sie sich für die Überschrift mit dem angenehmsten Schriftbild, eine ohne Ks. Ks verwirren sie zur Zeit, sie zeigen in so viele Richtungen.

Ein alter Herr mit Karomusterkrawatte tritt neben die Frau vor die Nachrichtenauslage. Sie betrachtet seine Füße in den braunen Halbschuhen, deren parallele Ausrichtung wie mit dem Lineal vermessen scheint. Sie teilen die Last seines quadratischen Körpers auf das Gramm genau zwischen sich auf, präzise eine Hälfte auf jedem Fuß. Kein Mann, sondern eine mathematische Gleichung. 

Während er nach einer Gazette mit bunten Bildern und aufrechten Buchstaben greift, blickt er wissend zu ihr hinüber und pocht mit dem Finger auf den Titel seiner Wahl. „Nu zitten we middenin“, sagt er. Das versteht sie und weiß, dass er vom Krieg spricht. Bei ihm klingt das nur logisch. Die Welt ist ein Dreisatz, es gibt keine Unbekannte.

 

Die Frau nimmt Platz, auf dem Korbstuhl am Fenster, wie immer. Von hier kann sie den Hafen am besten überblicken und seinen im Grau erstarrten Fähranleger. Nun müsste die Freundin bald da sein. Der Plan ist, eine der letzten Fähren von Harwich nach Hoek zu nehmen. Dort wird die Frau sie mit neuen Papieren erwarten und zurück in die deutsche Heimat bringen. 

Hinter der Theke macht die Kellnerin mit dem Damenbart und dem gleichgültigen Blick schon mal die übliche Bestellung fertig. Ein 0,3er Amstel und ein Kännchen lauwarmen Filterkaffee. Der Ablauf ist Routine, der Kaffee so wässrig, dass man ihn mit der beigelegten Portionssahne mischen muss um es erträglich zu machen. Bei jedem Schluck zieht sich der Gaumen zusammen und die Speiseröhre will den Dienst verweigern. Das Bier dient zum Runterspülen.

Während die Kellnerin die Getränke serviert, holt die Frau eine gebrauchte Taschenbuchausgabe irgendeines royalen Schundromans aus ihrem Trolley. Den Tipp hat sie von einem der fragwürdigen Schleuser an der deutsch-niederländischen Grenze. Die Niederländer lieben ihre Königsfamilie. Bisher hat es nicht geschadet, das Buch mit dem orangefarbenen Einband vor sich auf dem Tisch auszustellen. Es stört sie bloß ein wenig, dass jemand denken könnte, sie würde so etwas lesen. Andererseits wird sich in diesen Laden ohnehin niemand verirren, dessen Meinung für sie etwas zählt. Bis auf Silvia natürlich. „Wenn sie durch die Tür kommen, packe ich es schnell weg“, sagt sie sich. 

Doch Silvias Ankunft scheint sich zu verzögern. Es ist bereits der 19. Tag, stellt die Frau beim Blick in ihren alten Taschenkalender fest. Wie naiv aus heutiger Sicht, die Telefone zuhause zu lassen. Ortungsdienste hin oder her, einfach jeder ist inzwischen panisch.

Die Frau würgt einen Schluck Kaffee hinunter und versteckt sich hinter der Tageszeitung. Noch einmal kurz die Augen schließen. Aus den gammeligen Boxen über der Theke tröpfelt Schlagermusik. Die mathematische Gleichung summt passagenweise mit. Wieder ist die Frau erleichtert, des Niederländischen nicht mächtig zu sein. Sie möchte weder Schreckensmeldungen lesen noch Liedtexte über italienische Hauptgerichte ertragen. Was wäre sie froh, wenn die Freundin endlich käme und sie diesen Ort für immer verlassen könnten.

Sie und Silvia kannten sich seit dem Kindergarten. Über all die Jahre ihrer gemeinsamen Jugend war es eine unendlich anstrengende Freundschaft gewesen. Erst als Silvia nach dem Studium nach London gegangen war um am internationalen Markt Karriere zu machen, waren sie miteinander gewachsen und verwachsen. Sie mussten sich nicht mehr sehen, aber sie konnten. Keiner war dem anderen Rechenschaft schuldig. Sie schrieben sich alles und manchmal nichts, telefonierten, wenn ihnen danach war oder lebensverändernde Ereignisse es nötig machten. Sie glitten durch die Jahrzehnte wie zwei Züge auf parallelen Gleisen. Die Frau ein Güterwagon, Silvia der Eurostar. Silvia war immer schon da und immer für sie da. Sie war das Blinken auf dem Telefondisplay, das von einer Insel weit draußen kommend das Versprechen verwahrte, auf dieser Welt niemals ganz allein zu sein. Beide glaubten fest an die Erzählung, dass keiner sie so gut kannte wie sie einander, und dadurch wurde sie wahr.

Die stumpfsinnige Schlagermelodie macht die Frau nervös. Sie schlägt die Augen wieder auf und geht ans Fenster. Draußen, die Menschen. Sie schauen auf ihre Apparate und eilen an den verwaisten Tickethäuschen der Fähranbieter vorbei. Niemanden interessiert es, dass keine Fähren kommen. Es scheint, als würden sie das Wasser gleich neben sich gar nicht mehr wahrnehmen. Dort hinter den Schlusssteinen, da endet die Welt.

Als die britischen Grenzen geschlossen wurden, dachten die meisten noch, es wäre nur für eine Zeit. Sie würden schon wieder öffnen, bald. Ganz bald. Doch der Eurotunnel blieb für die Meisten, die Durchschnittlichen, dicht und British Airways war es schon vor ihm gewesen. Allein private Fähren sind noch auf den alten Routen unterwegs.

Der Blick der Frau wandert die Straße nach rechts hinunter, wo der schöne, der altstädtische Teil von Hoek beginnt. Hier hat sie sich in einem kleinen Kolonialbau ein Zimmer genommen. Schnuckelig würde man so etwas wohl nennen, wenn man solche Worte benutzen würde. In dem Holzbett mit der Kopflehne und der Fußstütze hatte sie sich ein bisschen wie Kafka am Strand gefühlt. Zumindest in den ersten Tagen, in denen sie noch schreiben konnte und ihr alles wie ein Abenteuer vorgekommen war. 

Radikal war die Frau nie gewesen. Sie hatte sich immer für eine Grenzgängerin gehalten, sich dabei aber auf Reisen und extravagante Kleidung beschränkt. Auch jetzt fällt ihr wieder die Rolle der Beobachterin, der Abwartenden zu. Wie so vielen. Sie fragt sich, wie es in Harwich aussieht und wo die Freundin jetzt gerade ist. Silvia ist nicht das Problem, es ist das Kind. Eine britische Tochter von einem britischen Mann, unverheiratet natürlich. Niemand will jetzt einen Fehler machen, erst recht kein Grenzsoldat.

Es ist Nachmittag geworden. Die Frau ordert krokets und verlässt das Café um eine Zigarette zu rauchen. Ihren Mantel lässt sie zurück, man kennt sie hier. Nur den Trolley führt sie stets mit sich, darin sind die Papiere.

Draußen bläst ihr Möwengeschrei entgegen. Meersalziger Geschmack auf der Zunge, Frischfisch und Motorenöl. Sie zündet die Gauloise im Gehen an und schlendert die Promenade hinab. Bewegung tut jetzt gut. Die Kofferrollen rattern über den Asphalt. 

Überall hört man nun, dass die schwimmenden Barrieren kommen. In der Ägäis haben sich die Netze bereits bewährt, nun würden sie vom Ärmelkanal bis in die Nordsee eingelassen werden. Die Frau hat noch die Bilder vor Augen von den gekenterten Schlauchbooten und geflüchteten Menschen, deren Körper an den Maschen und Bojen hängen geblieben waren. Menschenrechtsorganisationen lehnen die Maßnahmen entschieden ab. Heißt es.

Sie denkt an Silvia und stellt sich vor, wie sie schwerelos ins Meer hinuntergleitet, das Kind untrennbar mit einem Leintuch an den Körper gebunden. Wie ihr langes schwarzes Haar im dunklen Wasser schwebt und die beiden langsam in die offene Nordsee treiben. Die Frau hofft, dass kein Netz sie aufhalten wird. Sie tritt ihre Kippe aus.

Zurück im Café ist sie der letzte Gast. Der gleichgewichtige Mann mit der Karokrawatte kommt ihr in der Tür entgegen und verabschiedet sich mit einem Fingerzeig gegen den Hut. Die krokets sind inzwischen kalt, die Musik ist aus. Es dämmert und die Kellnerin bringt noch einen wässrigen Kaffee.

Die Frau schließt wieder die Augen, nun ist es endlich still. Sie träumt davon, mit der Freundin und dem Kind zusammen zu leben. In einem alten Backsteinhaus im Grünen. Sie würden Kopfsalat und Gurken anbauen und im Spätsommer süßsauren Boskop von den Bäumen im wilden Garten pflücken.

 

Morgen ist Tag 20 und die Frau wird wiederkommen. Vielleicht treibt Silvia tief unten im Meer, vielleicht trifft aber auch endlich die Fähre ein. Höchstwahrscheinlich sogar. Man muss Ruhe bewahren.

© 2020 Katrin Sikora | imprint & privacy

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