die vergangenen tage

Die Kurzgeschichte wurde in der Doppelausgabe 9/10 2020 von zugetextet – Feuilleton für Poesie-Sprache-Streit-Kultur sowie im Rahmen der ILF-Fortbildungsreihe "Literarisches Schreiben – Kurzgeschichten verfassen und verstehen" veröffentlicht.

"Als die Frau an die rote Tür des Cafés tritt und sie am Knauf vor sich herschiebt, zögert sie. Die Tür erscheint ihr schwerer als an den vergangenen Tagen. Beunruhigt, ob sie sich in der Lokalität geirrt haben könnte, blickt sie zurück und versichert sich der passenden Umgebung ..."

 

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WHAT

Short Story

PUBLICATION

ILF-Lehrmaterialen "Literarisches Schreiben"

CLIENT

Institut für Lehrerfort- und -weiterbildung

 

03.07.2020

 

Als die Frau an die rote Tür des Cafés tritt und sie am Knauf vor sich herschiebt, zögert sie. Die Tür erscheint ihr schwerer als an den vergangenen Tagen. Beunruhigt, ob sie sich in der Lokalität geirrt haben könnte, blickt sie zurück und versichert sich der passenden Umgebung.

Es ist das gewohnte Bild im Hafen von Hoek van Holland. Ganz hinten verschwimmen im milchigen Dunst die Motorboote der Fischer, die am Anleger vor sich hin rosten. Gleich zuvorderst schießt eine Litfaßsäule aus dem Asphalt wie aus fahlem Waldboden. Zwischen den Booten und dem Betonpilz markiert die Reihe der Schlusssteine das seitliche Ende der Uferpromenade. Hinter ihnen bricht der Weg ab und stürzt senkrecht hinunter ins braungrüne Hafenbecken. Ein dreckiger Tümpel, flächendeckend besiedelt mit Entenschiss und Plastikrückständen von ehemaligen Plastikgegenständen. Im trüben Wasser unterscheidet nur eine Silbe das Etwas von seinem Abfall. Wolkengebirge hängen so schwer über den Masten und Schornsteinen, als hätte eine Bühnenbildnerin sie dort montiert. Szene 1, trister Kleinstadthafen. Hier ist es richtig. 

 

„Nein, hier ist es falsch“, denkt die Frau, aber hier ist der Treffpunkt. Hierhin wird sie kommen. 

 

Sie hievt ihren Rimowa-Trolley über die Schwelle und schiebt den Windfang zur Seite, der bei jeder Bewegung knistert. An der Garderobe legt sie Halstuch und Ledermantel ab, beides war einmal in Paris gekauft worden und für kühlere Tage bestimmt gewesen. Neben den Kleiderhaken baumeln die an hölzernen Stangen befestigten Tageszeitungen in einer Reihe an der Wand. Bei jedem ihrer Besuche sucht sie sich eine aus. Ihre Finger streifen sanft wie zur Beruhigung über die druckschwarzen Lettern der Schlagzeilen, die sie wütend anbrüllen. Sie spricht kein Niederländisch, kann nicht verstehen, was sie rufen. Nach einer Weile entscheidet sie sich für die Überschrift mit dem angenehmsten Schriftbild, eine ohne Ks. Ks verwirren sie zur Zeit, sie zeigen in so viele Richtungen.

 

Ein alter Herr mit Karomusterkrawatte tritt neben die Frau vor die Nachrichtenauslage. Sie betrachtet seine Füße in den braunen Halbschuhen, deren parallele Ausrichtung wie mit dem Lineal vermessen scheint. Sie teilen das Gewicht seines quadratischen Körpers mit beeindruckender Präzision zu genau gleichen Hälften unter sich aufzuteilen. Kein Mann, sondern eine mathematische Gleichung. 

Während er nach einer Gazette mit bunten Bildern und aufrechten Buchstaben greift, blickt er wissend zu ihr hinüber und pocht mit dem Finger auf den Titel seiner Wahl. 

„Nu zitten we middenin“, sagt er. Das versteht sie und weiß, wovon er spricht. Sie alle sind jetzt mittendrin, bei ihm klingt das nur logisch. Die Welt ist ein Dreisatz, es gibt keine Unbekannte.

 

Die Frau nimmt Platz, auf dem Korbstuhl am Fenster, wie immer. Von hier kann sie den Hafen am besten überblicken und seinen im Grau erstarrten Fähranleger. Es ist nun schon der 19. Tag und der Ablauf längst Routine. Das weiß auch die Kellnerin mit dem Damenbart und dem gleichgültigen Blick, die schon mal die übliche Bestellung fertig macht. Ein Kännchen Kaffee und ein 0,3er Amstel. Es ist lauwarmer Filterkaffee, der so wässrig ist, dass man ihn, um es erträglich zu machen, mit der beigelegten Portionssahne mischen muss. Dabei mag die Frau gar keine Kaffeesahne. Bei jedem Schluck zieht sich der Gaumen zusammen und die Speiseröhre will den Dienst verweigern. Das Bier ist zum Runterspülen da. 

 

Während die Kellnerin die Getränke serviert, holt die Frau eine gebrauchte Taschenbuchausgabe irgendeines royalen Schundromans aus ihrem Trolley. Den Tipp mit der Fanlektüre hat sie von einem der Schleuser an der deutsch-niederländischen Grenze. Die Niederländer lieben ihre Königsfamilie. Bisher hat es nicht geschadet, das Buch mit dem orangefarbenen Einband vor sich auf dem Tisch auszustellen. Es stört sie bloß ein wenig, dass jemand denken könnte, sie würde so etwas wirklich lesen. Andererseits würde sich in diesen Laden ohnehin niemand verirren, dessen Meinung für sie etwas zählt. Bis auf Olivia natürlich. 

 

„Wenn sie durch die Tür treten, packe ich es schnell weg“, sagt sie sich. 

 

Eigentlich müsste die Freundin längst hier sein. Der Plan ist, eines der letzten Schiffe von Harwich nach Hoek zu nehmen. Dort wird die Frau sie mit neuen Papieren erwarten und zurück in die deutsche Heimat bringen. Doch Olivias Ankunft scheint sich zu verzögern und man kann sich nicht erreichen. Wie naiv aus heutiger Sicht, die Telefone zuhause zu lassen. Ortungsdienste hin oder her.

 

Die Frau würgt einen Schluck Kaffee hinunter und versteckt sich hinter der Tageszeitung. Noch einmal kurz die Augen schließen. Aus den gammeligen Boxen über der Theke tröpfelt Schlagermusik. Die mathematische Gleichung summt passagenweise mit. Wieder ist die Frau erleichtert, des Niederländischen nicht mächtig zu sein. Sie möchte weder Schreckensmeldungen lesen noch Liedtexte über italienische Hauptgerichte ertragen. Was wäre sie froh, wenn die Freundin endlich käme und sie diesen Ort für immer verlassen könnten.

Sie und Olivia kannten sich seit dem Kindergarten und es war über all die Jahre ihrer gemeinsamen Jugend eine unendlich anstrengende Freundschaft gewesen. Erst als Olivia nach dem Studium nach London gegangen war um am internationalen Markt Karriere zu machen, waren sie miteinander gewachsen und verwachsen. Sie mussten sich nicht mehr sehen, aber sie konnten. Keiner war dem anderen Rechenschaft schuldig. Sie schrieben sich alles und manchmal nichts, telefonierten, wenn ihnen danach war oder lebensverändernde Ereignisse es nötig machten. Sie glitten durch die Jahrzehnte wie zwei Züge auf parallelen Gleisen. Die Frau ein Güterwagon, Olivia der Eurostar. Olivia war immer schon da und immer für sie da. Sie war das Blinken auf dem Telefondisplay, das von einer Insel weit draußen kommend das Versprechen verwahrte, auf dieser Welt niemals ganz allein zu sein. Beide glaubten fest an die Erzählung, dass keiner sie so gut kannte wie sie einander, und dadurch wurde sie wahr.

 

Die stumpfsinnige Schlagermelodie macht die Frau nervös. Sie schlägt die Augen wieder auf und geht ans Fenster. Draußen, die Menschen. Sie schauen auf ihre Apparate und eilen an den verwaisten Tickethäuschen der Fähranbieter vorbei. Niemand interessiert sich dafür, dass keine Fähren kommen. Es scheint, als würden sie das Wasser gleich neben sich gar nicht mehr wahrnehmen. Dort hinter den Schlusssteinen, da endet die Welt. 

Radikal war die Frau nie gewesen. Sie hatte sich immer für eine Grenzgängerin gehalten, sich dabei aber auf Reisen und extravagante Kleidung beschränkt. Auch jetzt fällt ihr wieder die Rolle der Beobachterin, der Abwartenden zu. Wie so vielen. Als die britischen Grenzen geschlossen wurden, dachten die meisten noch, es wäre nur für eine Zeit. Sie würden schon wieder öffnen, bald. Ganz bald. Doch als die dritte und vierte Viruswelle ein Massensterben ausgelöst hatten, war davon keine Rede mehr. Der Eurotunnel blieb dicht und British Airways war es schon vor ihm gewesen. Allein private Fähren sind noch auf den alten Fährrouten unterwegs.

Die Frau fragt sich, wie es in Harwich aussieht und wo die Freundin jetzt gerade ist. Eine alleinreisende Frau, dazu das Kind. Die britische Tochter eines britischen Mannes, das macht es nicht einfacher. Da schauen sie ganz genau hin, die Demografen wegen der Abwanderung, die Schleuser wegen des Aufpreises, die Soldaten wegen der Anweisung und die Demagogen wegen allem.

 

Es ist Nachmittag geworden. Die Frau ordert krokets und verlässt das Café um eine Zigarette zu rauchen. Ihren Mantel lässt sie zurück, man kennt sie hier. Nur den Trolley führt sie stets mit sich, darin sind die Papiere.

Draußen bläst ihr Möwengeschrei entgegen. Meersalziger Geschmack auf der Zunge, Frischfisch und Motorenöl. Sie zündet die Gauloise im Gehen an und schlendert die Promenade hinab. Bewegung tut gut. Neben ihr rattern die Kofferrollen über den Asphalt. 

Überall hört man jetzt, dass die schwimmenden Barrieren kommen. In der Ägäis haben sich die Netze bereits bewährt, nun würden sie vom Ärmelkanal bis in die Nordsee eingelassen werden. Die Frau hat noch die Bilder vor Augen von den gekenterten Schlauchbooten und geflüchteten Menschen, deren Körper an den Maschen und Bojen hängen geblieben waren. Menschenrechtsorganisationen lehnen die Maßnahmen entschieden ab. Heißt es. Sie denkt an Olivia und stellt sich vor wie sie schwerelos ins Meer hinab gleitet, das Kind untrennbar mit einem Tuch an den Körper gebunden. Wie ihre Haare im dunklen Wasser schweben und die beiden langsam in die offene Nordsee treiben. Die Frau hofft, dass kein Netz sie aufhält. 

Sie tritt ihre Kippe aus. 

Vor ihr liegt das Ende der Promenade. Ihre Hand schließt sich noch einmal fester um den Griff des Rollkoffers. Von hier aus sind es nur noch wenige Zentimeter bis zum Schlussstein. Sie könnte jetzt einen Schritt nach vorn treten und loslassen. Der Trolley würde hinabstürzen ins braungrüne Becken, in dem alles zu Ende ist, und es wäre vorbei. Kein Warten mehr. Kein Zurück.

 

Im Café ist sie der letzte Gast. An der Eingangstür kommt ihr der gleichgewichtige Mann mit der Karokrawatte entgegen und verabschiedet sich mit einem Fingerzeig gegen den Hut. Die krokets sind inzwischen kalt, die Musik ist aus. Es dämmert und die Kellnerin bringt noch einen wässrigen Kaffee. Die Frau schließt erneut die Augen, nun ist es endlich still. Sie träumt davon, mit der Freundin und dem Kind zusammen zu leben. In einem alten Backsteinhaus im Grünen. Sie würden Kopfsalat und Gurken anbauen und im Spätsommer süßsauren Boskop von den Bäumen im wilden Garten pflücken. 

Neben ihr steht der Trolley.

Morgen ist Tag 20 und sie wird wiederkommen. Vielleicht treibt Olivia tief unten im Meer. Vielleicht trifft aber auch endlich die Fähre ein. Höchstwahrscheinlich sogar. Man muss Ruhe bewahren.

© 2020 Katrin Sikora | imprint & privacy

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